„Schleim-Jesus“, Kunst oder Katastrophe? Eine Krippenbetrachtung.

Heiligabend 2025. Das ARD hat angekündigt: Christmette aus der Kirche St. Maria in Stuttgart. Immerhin die „Mamakirche“, jene des katholischen ’significant other‘ in der ökumenischen Ehe des Autors. An Heiligabend selbst erst mal beschäftigt: Geschenke würdigen, Kartoffelsalat verdauen, Kerzen am Baum beim Runterbrennen zusehen. Erster Weihnachtstag, auch viel zu tun, Kochen, Weihnachtsessen, Spaziergang, Kaffee und Weihnachtsbrötle. Am Abend finden wir uns vor dem TV ein, der Gottesdienst wurde aufgezeichnet, ist auch in der Mediathek ganz leicht zu finden, immerhin nur zwei ‚thumbnails‘ von der „Heiligen Nacht in Rom mit Papst Leo“ entfernt.

https://www.ardmediathek.de/kultur-gottesdienste

Es geht los mit dem wunderbaren CIS-Chor, man sieht den katholischen Fernseh-Pfarrer des SWR, Thomas Steiger, und die Pastoralreferentin Katharina Leser. St. Maria in Stuttgart-Süd, Außen, Pfadis, Friedenslicht aus Bethlehem, wunderbar. Einzug in die Kirche, alles sehr getragen. Beide gehen nach vorn, etwas kommt im Vordergrund ins Bild:

Die Berichterstattung in Vorfeld (war es dem SWR, der katholischen Kirche schon etwas blümerant geworden?) hatte einen schon mal vorgewarnt, ein echter Mensch, in Reispapier gewickelt, werde in der „Krippe“ liegen.

Von einer Krippe wenig zu sehen, eher ein Strohhaufen. Und was da liegt verschlug einem die Sprache, ließ einen aber auch nicht wegschauen, wie bei einem schlimmen Unfall.

Abscheu, Ekel, aber auch Mitleid und Fassungslosigkeit kommen im Beobachter auf. Die Worte des Pfarrers, nicht besonders hilfreich: „Der Mensch hier ist eingehüllt, weil wir seine Würde und Intimität bewahren wollen“. Der Gottesdienst geht weiter, wieder der Chor, die Orgel, alles feierlich und schön. Aber immer wieder diese „Krippe“.

Eine Recherche drängt sich auf. „Das Werk einer jungen Künstlerin, das sie eigens für diesen Gottesdienst geschaffen hat“ sei das. Wer ist das? Die Vorberichte nennen den Namen Milena Lorek. Heute ist alles was „jung“ ist, auf Instagram, also dort nachgesehen.

Die Künstlerin trägt dort also den Namen „millen1um_“, und verweist auf die „Großartige Performance“ von Eleni Sismanidou. Nur ein Klick weiter ist zu ihr Folgendes zu finden:

Man fand sich also zur Promotion bei Dr. Müller ein, warum nicht. Oder bietet sich an für „sass in your advertising“:

Weitere mehr oder weniger künstlerische Fotos finden sich auf dem Instagram-Account des Models. Das mag auch hier nur ein Seitenzweig sein, wer im Reispapier lag ist eigentlich unwichtig.

Interessant ist aber die Verbindung der Künstlerin mit der Institution „Kirche im SWR“:

Wie praktisch! Die Künstlerin ist im „Social-Media-Team“ und in der „Online-Redaktion“! Da mußte man gar nicht lange suchen in der Stuttgarter Kunstszene, warum sollte auch jemand anderes eine Chance bekommen.

Ein „Reel“ ist auch noch zu finden, dort ist Patricia Paryz zu sehen, deren „Assistenz, seelischer Beistand und Fotografie“ erwähnt wurden. Solche Links sind ja wichtig, es geht um Sichtbarkeit und Verknüpfungen. Inhalt mag eher Nebensache zu sein, oder im Auge des Betrachters zu liegen. So was zum Beispiel, aus dem erwähnten „Reel“:

Die Fotografin Paryz nimmt eine betende Geste ein, im Stroh vor ihr liegt eine Wärmflasche, im Hintergrund die Orgel von St. Maria. Hier stellen sich selbst beim evangelischen Betrachter erneut Gefühle von Abscheu, Verwunderung und Traurigkeit ein. Welch eine Respektlosigkeit. Ein ‚Making-Of‘ Foto mit dem Inhalt des Lächerlich-Machens von Gebet und Sohn Gottes. Wes Geistes Kind die handelnden Menschen sind wird spätestens hier klar.

Kleine inhaltliche Komponente noch, die auffiel: Ein Zitat von Pfarrer Steiger:

„Ich denke darauf wollte Lukas aufmerksam machen, als er die Idee hatte, Gott als Kind auf die Welt kommen zu lassen. Kinder sind ehrlich und frei, aber auch leicht zu verletzen…“

Komisch, irgendwie dachte man immer, das sei Gott selber gewesen, der diese Idee hatte. Aber der TV-Kirchenmann wird es schon besser wissen. Oder es in einem Anfall von Realismus zur Geschichte der Evanglisten genau so sagen wollen.

Was bleibt? Etwas Aufruhr in den Sozialen Medien, ein Bericht der „Bild-Zeitung“ mit dem griffigen „Schleim-Jesus“, leider auch viel Gemecker aus der rechten Ecke. War es das wert? Muß das so sein? Ist nicht ein Gottesdienst, gerade mit so wunderbarer Musik, und der ewigen Weihnachtsbotschaft ein ausreichender Wert an sich? Immerhin: Man erfährt etwas über die Netzwerke, die Entscheidungsstrukturen, den Stil der TV-Kirchenangebote. Und man diskutiert, vielleicht, über Ästhetik und Theologie. Doch sicher hat man auch viele abgestoßen, verstört, befremdet. Schade.

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